Kooperative für Text und Regie

ICH WEINE AUCH IMMER. ICH WEINE IMMER-IMMERZU. ABER NUR GANZ TIEF IN MEINEM INNERN, DAMIT NIEMAND ES HÖRT. UND GEORGE WEINT AUCH IMMERZU. WIR WEINEN BEIDE IMMERZU...UND DANN, WEIßT DU, WAS WIR TUN? WIR WEINEN, STELLEN UNSERE TRÄNEN IN DEN EISSCHRANK, BIS SIE ZU EIS GEFROREN SIND, UND DANN...DANN TUN WIR SIE IN UNSEREN WHISKY.
(Edward Albee)
 
PREMIERE 25.05.2019
WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF?
von Edward Albee
Regie: ELINA FINKEL
Theater Osnabrück
 
 
 
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Für ihr Stück ADAM UND DIE DEUTSCHEN (DIE MÜHLE) reiste Autorin Tine Rahel Völcker nach Lublin, um dort die jüdische Geschichte in Polen zu ergründen.

(den vollständigen Reisebericht finden Sie hier:
Fünf Tage Lubin ein Jahr)

 

- Und warum nach Lublin?

Der mich fragt, heißt Andrzej und ist befreundet mit einem gemeinsamen Bekannten, wir stehen vor einem Restaurant bei Minusgraden, ohne Schnee, und rauchen.

- Weil ich mich für die jüdische Geschichte in Polen interessiere.

(...)

- Also das Stück heißt "Adam und die Deutschen. Ein Stück Niemandsland in zwei Variationen" und es wird im Grunde zwei Mal die gleiche Geschichte erzählt: einmal beginnt es als Liebesgeschichte zwischen einem polnischen Mann und einer deutschen Frau. Danach die gleiche Situation mit einem deutschen Mann.

- Ach so, verstehe, Genderthematik, ja?

Der abfällige Tonfall kommt fein, fast charmant daher. Ich wundere mich vor allem, dass überhaupt schon ein Schubfach vor mir liegt, nach nur einem Satz, in das ich jetzt das Stück hineinlegen soll.

Ich versuche es weiter ohne das.

- Es geht um Bilder, die wir von uns im Kopf haben. Gegen die wir ankämpfen oder sie verzweifelt zu erfüllen suchen. Je nach Situation. Aber ja, wenn ich drüber nachdenke, bestimmt geht es auch um Geschlechterbilder, wie um nationale Selbstbilder, von den Mythen der deutschen und der polnischen Mutter mal ganz zu schweigen.

- Dann schreibst du also gesellschaftskritisch, ja?

Wieder liegt da so eine kleine Kiste vor mir und ich guck sie ratlos an und stöhne, seufze, weiß keine Antwort, schieb die Kiste ein Stückchen weg.

- Ich weiß nicht. Ich weiß eigentlich gerade gar nicht, was Kritik ist. Heute Abend weiß ich es nicht und schon länger weiß ich es nicht. Wer kritisiert, weiß es ja meistens besser. Ich weiß aber auf nichts ne Antwort, im Gegenteil, ich schreib überhaupt, weil ich nichts verstehe, weil ich diese ganzen Bilder und Sätze, die Logik und die Ordnung nicht kapiere, ich verstehe nicht, warum ein Land einen Stolz braucht, ich verstehe nicht warum es für einen Jungen wichtig sein soll, sich männlich zu fühlen, ich versteh das Wort männlich nicht und das Wort weiblich noch viel weniger, das kommt ja von Weib, einem Ausdruck der Verachtung und das benutzen wir im Weiblichen ganz selbstverständlich, ich finde viele Bilder und Verordnungen so seltsam und lächerlich, weil sie ja immer nur einzwängen und Menschen und Länder auf irgendwas festlegen sollen, das sind ja künstlich errichtete Gebilde, die als was Natürliches hingestellt werden, das ist alles so abstrus!