Kooperative für Text und Regie

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#gastfremd von Ivna Žic


Ob ich etwas über Entfremdung schreiben könnte, lautet die Frage, der ich schnell zustimme, als wäre ich längst schon Expertin für solche Texte, als wäre es lange schon selbstverständlich, dass jemand fragt: Entfremdung, anybody? Und ich so: Ja ja, hier, klar! Dafür hat man mich hierher gebracht, dafür doch die ganze Mühe, Erziehung, Wanderung und Annahme des Status quo, damit ich dann so: Entfremdung? Hier! Bei mir! Bei uns.

Wir sind viele, Körper mit ähnlichen Bewegungen, Erfahrungen, Entfernungen, durch deren Fernen und diesen zum Trotz so etwas wie ein kollektiver biographischer Bogen gespannt werden kann. Mit Eltern, die alles dran und drauf gesetzt haben, Tag für Tag, jegliches Fremde auszublenden. Namen wurden neu klingend gemacht, so dass sie hier ausgesprochen werden können, ebenso Haarschnitte, Kleiderschnitte, Farben, wie man Bus fährt (leise), wie man im Bus die Elternsprache spricht (leise), wie man reagiert, wenn andere die gleiche Sprache sprechen (lächelnd, aber nicht weiter darauf eingehend), wie man sich grundsätzlich verhält: als wäre man schon immer hier gewesen, das heisst: Habtachtstellung, immer, denn hinter jeder Ecke lauert noch eine neue Gewohnheit, ein neues Sprichwort, eine neue Formulierung, eine weitere Geste, die falsch ausgeführt, die nicht genau gespielt werden könnte, die aber sitzen muss.
Sagten die Eltern. Sagen es immer noch.

Oder: Integration, Du meine zweite katholische Erziehung. Weil Du 1: von Demut und Scham behaftet bist, 2: an eine Institution glaubst und zuletzt: Die Erlösung versprichst. Die Ankunft am besten aller Orte. In einer Zukunft, die eintreten wird, dies aber irgendwie nie tut: kein Ausruhen, kein Entspannen, da gibt es niemanden der jemals sagen wird: It´s ok now. Und die Eltern beten jeden Tag zu ihr, ora et labora, es ist harte Arbeit und sie wird vollzogen. Man kommt nicht und ist einfach, ist nicht einfach die Person, der Mensch, der Körper, man wird: somebody, man wird: Teil vom Ganzen.

Oder: Integration, Du unerfüllte monogame Liebe, Du Wiederherstellung eines Ganzen (aus Differenziertem, sagt Duden), weg mit dem Fremden, der Fremden, das Fremde in Dir soll aufgehen im Ganzen, verschwinden, aber dieser Körper bleibt und stellt sich quer, permanent, permeabel, will man rufen und streitet sich laut mit diesen gläubigen Eltern, es kann doch nicht sein, dass ihr immer noch und weiterhin an diese eine grosse Liebe glaubt, daran, dass wenn ihr alles richtig macht, dass wenn ihr diesen Glauben pflegt und hegt, wenn ihr tagtäglich leise und richtig und unauffällig - !

Und nun schauen die Kinder dieser Eltern, die längst keine Kinder mehr sind, die längst selber Eltern sein können, diese schauen ihre Eltern nun an und fragen sich: Wie viele Jahre werden wir brauchen, um diese letzten 30 oder so Jahre der Eltern zu verstehen, oder: Erzählen zu können? Wir waren die gesamte Zeit über dabei, an ihrer Seite, zuerst ganz nah, dann immer weiter weg, es ging schnell, sehr schnell und schon standen wir ganz anders, sprachen wir ganz anders, bewegten wir uns ganz anders durch diese Strassen und Städte als diese Eltern, die weiterhin an unserer Seite waren, bis wir an fast gegenüberliegenden Seiten standen. Und uns anschauten. Aus einer neuen Ferne. Und plötzlich scheint alles, oder vieles, wegen dem sie gegangen sind oder das sie uns mitgegeben haben (Sprachen, Reisepässe, die Reiserouten, die Familiengeschichte, das Mittagessen am Sonntagnachmittag, ein politischer Kontext, den es nicht mehr gibt, ein Land, das es nicht mehr gibt, das neue Land…) aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet zu werden. Gegenläufig gelebt zu werden. Wir stehen ihnen häufig wortlos gegenüber und wissen nicht mehr: Berühren wir uns noch? Haben wir uns etwas zu sagen?
Auf jeden Fall glauben wir nicht, sagen wir ihnen, auf jeden Fall lassen wir uns nicht zurechtschneiden, um dazu zu gehören. Wir werden nicht weiter dieser unerfüllten Liebe hinterherrennen, wir werden alles ganz anders machen! Wir werden unsere Namen zurück ändern, wir werden alle Sprachen gleichlaut sprechen, uns kann keiner was, wir sind unverletzlich, von der Sehne bis zum Herz, aber eure Integration, euer fester Glaube daran, den müssen wir ablegen, den werden wir so nicht mehr durchziehen, ziehen uns sowieso alles an was wir wollen, oder aus, denn die Scham: pah! Wir lassen any Fremdes zu.
Und diese Eltern haben diese Kinder, diese Menschen, die wir heute sind, diese Eltern, die tagtäglich gegen das Fremde in sich und in ihren Kindern angekämpft haben, damit dann diese Kinder gefragt werden: Entfremdung? Ja klar! Hier! Von wem? Von den Eltern, vor allem.

Diese Eltern. Diese gut integrierten, leise sprechenden, schamvoll lächelnden Eltern, die so stolz, aber so unfassbar müde sind. Die sich seit 30 Jahren nicht ausgeruht haben, die es geschafft haben und doch nirgends angekommen sind, die weiterhin unsicher im Raum stehen, das Koordinatensystem ist zu jung, um wirklich Stand zu geben, zu wackelig, um Sicherheit zu stiften, und doch haben sie anscheinend alles richtig gemacht. Sie haben jede Regel befolgt und jeden Tag ihre Arbeit getan, um nun, nach 30 Jahren, zu einem schönen Anlass, ganz kurz vor dem eigenen Ruhestand, zum Beispiel bei einer Premiere dieses Kindes, von einem anderen Körper ihres Alters angesprochen zu werden. Einem Körper ihres Alters, der hier aber schon seit Generationen Wurzeln schlägt und darin träge und schlagfertig zugleich ist, sich vor allem in Sicherheit wiegt, all diese Generationen von Hiersein in sich tragend, dieser Körper also tritt an die Eltern heran, bei dieser sagen wir mal Premiere; er ist männlich, weisshaarig, gebildet, irgendwie beeindruckt und zugleich davon verängstigt, dass diese Eltern also dieses Kind hier haben, das potentiell ein Selbstverständnis im Hier-Leben haben könnte, es ist das Jahr 2018, also fragt er, er fragt ganz simpel und direkt, so direkt, wie es sich die Eltern (und da könnte man wütend werden!) auch nach 30 Jahren hier nie trauen würden, trotz aller Rhetorik und Gewitztheit, die sie doch irgendwo in sich tragen (aber wie gesagt: Scham, Demut…) Also dieser andere Körper, der sichere, der fragt: "Wie geht es Ihnen als Gastarbeitern damit, dass Ihr Kind nun als Künstler (natürlich nicht Künstler*in) einen ökonomisch unsicheren Weg bestreiten wird? Sie sind doch wegen dem Geld gekommen, nicht wahr?" 
Er überrumpelt sie. Die Eltern lächeln. Sie stottern leicht. Sie erklären sich, natürlich, denn das haben sie gelernt: Sie können immer erklären, dass sie ihre Kinder unterstützen, dass es ihnen nicht ums Geld geht, sondern wie allen Eltern um das Glück ihrer Kinder, und leise sagt der Vater auch noch: Ich bin nicht wegen dem Geld gekommen, sondern für das Abenteuer - wahrscheinlich sagt er es nicht einmal leise, doch der Mann mit dem Selbstbewusstsein mehrerer Generationen in sich freut sich so oder so: Da ist die Verunsicherung wieder und hier bleibt sein fester Stand. So muss es sein. Und keiner sagt: Was fällt Ihnen ein, diese Frage zu stellen? Was fällt Ihnen ein, uns einen Namen zu geben, zu meinen, uns zu kennen, uns alle, nach 30 Jahren hier, - nein, es wird gelächelt. Und er kommt danach zum Kind dieser Eltern, dieser Mann, gratuliert ihm oder ihr, freundlich, lächelnd, wiederholt zum Schluss den Vornamen dieses Kindes und sagt dann zum Abschied: "Was für ein ungewöhnlicher Name."

Abgang weisser, weisshaariger, gebildeter Mann, 2018. Zurück bleibt: Eine Familie, ein Schweigen, ein stolzer Blick unter Augenringen, die von einem Moment auf den nächsten wieder schwer im Gesicht liegen, ein weiterer Sekt, ein Stehen im Raum mit wackeligem Schatten. Müdigkeit.
Wo die Verletzung liegt? Wo sie beginnt? Nicht einmal nur in der bekannten Bedeutung von „Gastarbeiter“, von jemandem, der oder die für eine begrenzte Zeit in einem fremden Land arbeitet, oder: ein ausländischer Arbeitnehmer. (So geschrieben und beschrieben erscheint das Wort 1967 zum ersten Mal im Duden.) Schon der kleinere Teil des Wortes, oder eigentlich der grosse: "Gast", verliert in diesem Moment all seine Herzlichkeit: Klingt scharf, klingt bitter. Gast, immer noch? Weiterhin? Oder gar: für immer? Und "Arbeiter", so wahr: Sie haben 30 Jahre lang gearbeitet, um keine Gäste mehr zu sein, sie wollen nur noch in den Ruhestand, stehen kurz vor ihm, doch dieser scheint nicht vorgesehen zu sein.

Und das Kind? Das sichere, sicher stehende, mutig gehende Kind? Steht auch müde da. Ärgert sich über die Langsamkeit. Ärgert sich, dass es immer noch überrumpelt werden kann von solchen Fragen. Und auch davon, dass solche Fragen immer noch Teil einer ziemlich ungeselligen Gesellschaft sind, dass sie gar lauter werden von Tag zu Tag, dass die Bemühungen noch lange nicht vorbei sind, sondern vielleicht gerade wieder beginnen. Anders beginnen. Und noch mehr Kraft brauchen werden. Doch das Kind weiss: Es wird stehen bleiben (Last one standing) Es wird darauf bestehen. Während die Eltern - 
Die Eltern wollen über diesen Moment nicht sprechen, nur noch kurz im Auto, auf dem Nachhauseweg, und auch noch einmal kurz in der Küche, hinter der verschlossenen Wohnungstür. Dort wird gewütet und getrauert. Und dann ist auch gut. Ändern lässt es sich ja nicht. Sagen die Eltern.
Und das ist ein Moment, in dem es wieder eine Berührung gibt, zwischen Kind und Eltern, eine Verbindung, die bleibt, die mehr teilt, als alle unterschiedlichen Weisen, durch das Leben zu gehen.

Und während sie so oft zu uns gesprochen haben, unsere Eltern, mit Ratschlägen und gut gemeinten Regeln, ist vielleicht nun an uns die Zeit, mit ihnen zu sprechen. Nicht für sie zu sprechen, nicht für sie zu sagen, wo die Verletzungen liegen und warum es schwierig ist. Nicht wieder selber diesen Text zu schreiben. Sondern ihnen zu sagen: Ich würde mir wünschen, dass ihr diesen Text schreiben würdet. Dass ihr laut traurig sein könnt und ohne Scham wütend, dass ihr eure Verletzungen nicht mir erzählt, nicht hinter der Wohnungstür, oder im Auto, sondern allen, ohne Angst des nicht Gehörtwerdens, auch ohne die Angst in der Tat gehört zu werden. Dass wir so gemeinsam in der U-Bahn sprechen, im Restaurant, bei einer Premiere, vor anderen, unter anderen, in dieser und in allen Sprachen. 


(geschrieben für das Magazin des Schauspielhaus Wien, November 2018)