Kooperative für Text und Regie

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ruas Geisterfahrt - sprunghafte Gedanken zu Marie Bues' Inszenierung von Zellers "Karl und Rosa"

von Tine Rahel Völcker

Nie in Magdeburg gewesen. Nie zuvor eine Arbeit von Marie Bues und nie ein Felicia-Zeller-Stück auf der Bühne gesehen. Geballte Vorfreude auf der Hinfahrt, zu allem Überfluss (den wir begrüßen) in einen orangenen Sonnenuntergang hinein, Jonas schaltet mit "Alle Farben" eine schöne Clubmusik an, die hervorragend zu Autobahnkreuzen im Abendlicht passt, ansonsten wird viel gewitzelt, rua-Roadmovie Szene 1 was sonst!

Angekommen treffen wir Bastian Häfner und Oliver Schmaering von Felix Bloch Erben und suchen gemeinsam den Eingang in das höfische Gebäude. Am Tisch der Theatergaststätte Mephisto fragt Oliver Schmaering in die Runde: "Wurde Magdeburg nicht das vierte Rom genannt?" Der junge Kellner beugt sich von hinten über ihn: "Ja, es ist hier mal echt schön gewesen. Vor '45", als hätte er es, bleich und zittrig wie er heute ist, leibhaftig miterlebt. Dreißigjährige Männer, die sich an die schöne Zeit vor '45 erinnern, müssen von den Naturgesetzen her Zombies sein - oder andere parapsychologische Wiedergänger des 20. Jahrhunderts, womit der Kellner hervorragend in Felicias Stück passt.

Felicias Rosa Luxemburg (nach Döblin) hängt in einer Schlaufe, in einer Gedanken- und Schmerzschlaufe fest, in Gedanken und Schmerzen verwirrt, aber das heißt gar nichts! Im nächsten Moment taucht aus der Verwirrung eine politische Anklage, eine scharfe Analyse hervor. Es gibt ihn, den Durchblick inmitten der Konfusion, und der ihn einschließende Körper reagiert erschöpft angesichts der allgemeinen ihn umgebenden Dummheit, Stumpfheit und immer wieder: dem sozialdemokratischen Opportunismus.

Die variablen Gefängnisgitter der Bühne nehmen die Spieler*innen der sozialistischen Räte auseinander und versuchen sie zu etwas Neuem und Anderen zusammenzufügen. Es gelingt nicht. Nichts hält. Nichts Neues entsteht. Für ihren Machterhalt setzt die SPD auf Gewalt von rechts. Noske im Verbund mit dem Offizier Pabst. Der wird für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts später nie zur Rechenschaft gezogen. Das hessische LKA und seine neonazistischen Verstrickungen. Morddrohungen von deutschen Polizisten gegen die Frankfurter Juristin Seda Başay-Yıldız. Keine Geister. Gegenwart.

Die Schauspielerin Marie Ulbricht bringt wie eine geniale Puppenspielerin der Bärte (sie schlüpft selbst in die jeweilige männliche Puppe) die ganze Sozialdemokratie der Revolutionszeit auf die Bühne. So klug, so ironisch überhöht, so auf die Spitze getrieben, die Not des mächtigen Mannes in einer Klassengesellschaft ("Ich als Gastwirt..." sich ihr Geschirrhandtuch um die wechselnden Bärte schwingend).

Auf der Heimfahrt tragen wir zusammen: Dori öffnet mir die Augen für die Bühne, wir überlegen, was eine Rosa-Luxemburg-Figur auf dem Theater bräuchte, damit sie uns für die Gegenwart interessiert, nicht (nur) als Klassenkämpferin sondern als Bühnenfigur. Je mehr ich darüber nachdenke, scheint mir der Eindruck der Erschöpfung, den ich bei Felicias Rosa (nach Döblin) und im Spiel von Monika Wiedemer wahrgenommen habe, schlagend. Leuchtet ein, vor allem für die Gegenwart. Bloß: Angesichts einer erstarkenden Rechten ist mir bei dem Narrativ nicht wohl. Bilder eines nicht erschöpften linken Kampfes wären mir lieber, aber die findet man vielleicht nicht in den altbekannten Größen. Ich muss Marie fragen, was sie an Luxemburg interessiert und wo sie heute überall den Noske sieht.