Kooperative für Text und Regie

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Gangls Wald ist Bannwald. Er darf nicht weg. Sonst kommen die Muren und die Rüfen, die Lauenen, der Himmel kommt runter, der Fels geworden ist oder Dreck oder nasser schwerer Schnee. Alles ist dann drunter und drüber und nichts mehr, wo's vorher war, schon gar nicht Himmel und Erde. 
 
Gangls Wald ist Bannwald. Fichten sind Politik. Wenn wir den Wald nicht mehr haben, sieht man die Grenze besser und was da alles drüber hinweg geht, das Ungezähmte, das im Wald Unregistrierte, weil man's eben so schlecht sieht, und die Wörter, die vielen Wörter, die sich drum nicht scheren, wo sie dazu gehören und wo nicht, wo sie anwachsen können und wo nicht, wo sie wer verlieren kann unter einer Waldparkbank, bis der Häher sie holt. 
 
Gangls Wald ist Bannwald. Es wächst darin, wenn kein Wachstum ist. Wenn die Konjunktur uns drückt wie eine Saga, wenn die Notenblätter an andern Enden hängen bleiben, das Geld, das Geld, es liegt nicht auf der Strasse aber im Wald da liegt es am Boden. Und wenn es keinen Zins mehr gibt, dann gibt's noch Pellets. 
 
Gangls Wald ist Bannwald. Er schützt uns vor der Idiotie der Metaphern. Bäume sind vertikale Tradition, die Herkunft von unten nach oben denkt. Oder als Variante davon, in den romanischen Sprachen besonders geläufig, von oben nach unten, wenn von kulturellen Gipfeln die Rede ist und von den Bergen, von denen das jüdisch-christliche, das griechisch-römische, das Bindestrich-Abendland angeblich herkam, herunterkam: Sinai, Golgatha, Akropolis. (Als würde da nicht erstmal anderes herunterkommen, von den Bergen, die Muren, die Rüfenen, die Lauenen.) Aber wer absteigt, muss doch vorher hochgekommen sein. An den Berg gewandert von irgendwo her und dann hinauf. Ausser man kam direkt durch die Luft, von ganz oben, Himmel und so weiter. Die tragenden Säulen der vertikalen Tradition: Boden und oben, das gesegnete Plätzchen, die Oblate, auf der wir hocken. 
 
Gangls Wald ist Bannwald. Er hat sogar einen einen Eingang. Gangls Waldeingang. Da, wo der Weg hinein geht, der Trampelpfad, die Menschenfährte, wo der Wegzeiger hin weist, wo gelb ist, wo eine Fahrfurche klafft, mein Güte, wo der Spaziergang lang führt halt. Aber besteht ein Wald, wenn er einen schön geschnittenen Rand hat, wie unsere Wälder das haben, und nicht zu viel Holz unten rum, struppiges Gewächs und Brennendes und Beeren, besteht so einer nicht aus lauter Eingängen, abzüglich der Stämme, nicht? Geh ich links oder rechts vorbei am Stamm, schon bin ich drin, schon bin ich ein Mensch im Wald. Man kann einen Wald ohne weiteres perforieren, da braucht man doch keinen Eingang dafür. Da ist ja mehr dazwischen, als da ist. Das Volumen von Wäldern minus das Volumen von Holz (plus minus natürlich das Volumen der Tiere), da geht man durch, da passt man rein, da geht man ein. Wenn das so ist, dann hat der Waldeingang doch kein Marienbild. Man findet ihn auch so. Aber es steht doch da. Im Text. Am Texteingang zwischen den Stammwörtern, nein, am Waldeingang, gleiche Zeile, gleich nach dem Teufel. Der Wald braucht das doch nicht. Anders rum ist es, auf dem Rückweg sozusagen, der Waldeingang hat kein Marienbild, er braucht ihn nicht, er ist ja überall, aber das Marienbild, das braucht den Waldeingang, damit es wo stehen kann, wo die Menschen erscheinen und entlang gehen und verschwinden und sich etwas fürchten. Vor etwas noch mehr fürchten, als vor dem Marienbild. 
 
Gangls Wald ist Bannwald. Gangls Wörter haben Wurzeln, aber sie treiben sie aus. Es ist nicht "der Ort, der greift", das "Innere greift in ein anderes Inneres". Überall geht es hinein. Gangls Wörter machen sich fest und werden sich los.
Gangls Text ist Banntext.
 
Martin Bieri, 2019