Kooperative für Text und Regie

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Kartographie und Irrtum (Das Mittelmeer)

Martin Bieri zu Leyla-Claire Rabihs Theaterprojekt Traverses : Aus einer mehrjährigen Recherche in Frankreich, Deutschland und Griechenland ist ein Korpus von Geschichten, Erzählungen, Dokumenten und Zeugenberichten entstanden. Im Herbst 2018 reiste Leyla-Claire Rabih in den Libanon und führte Interviews mit syrischen Geflüchteten. Zum Blog des Residenzaufenthalts in französischer Sprache geht es hier.

Am Morgen des 7. Dezember 1972 befand sich Apollo 17 auf dem Weg zum Mond. Nach der zweiten Erdumrundung würde gleich der letzter Booster gezündet, um das Raumschiff definitiv weg vom Planten der Menschen zu befördern. An Bord befanden sich drei Mann, deren Aufgabe es in diesem Moment nicht gewesen wäre, aus dem Fenster zu schauen. Und doch taten sie es.

Viele der wenigen Menschen, die eine Reise zum Mond und zurück hinter sich haben, erzählten später, es sei nicht die Bewegung hin zum Trabanten gewesen, die sie am meisten beeindruckt habe, sondern die weg von der Erde. Vielleicht wurde das Harrison Schmitt, Eugene Cernan und Ronald Evans in diesem Moment bewusst, als sie unter oder neben oder über sich ihren Planten als fast reine Kugel sahen, ganz erleuchtet, eine Vollerde ohne Schatten, wie sie bisher noch keinem ihrer Vorgänger erschienen war, weil sie die Sonne nicht in ihrem Rücken gehabt hatten.

Trotzdem war das auch nicht der Moment, um zu fotografieren. Dafür gab es einen Zeitplan, die Filme waren abgezählt und alle Hasselblads waren verstaut. Alle bis auf eine. Wir werden nie wissen, welches Besatzungsmitglied nach dem Apparat griff, alle drei Männer behaupteten nach ihrer Rückkehr, sie seien es gewesen. Die Nasa schrieb das Bild der gesamten Crew zu. Das Bild: "Blue Marble", eine Ikone, eine der am häufigsten reproduzierten Fotografien der Geschichte, eine Perle, keine Murmel, unser Planet, der einzige Ort, Leben.

An Bord des Raumschiffs herrschte Schwerelosigkeit. Wer immer das Bild machte, wusste nicht, wo oben und unten war. Vielleicht erkannte er das Mittelmeer, die Küste Afrikas, die arabische Halbinsel, die Eiskappen der Antarktis. Viermal schoss er, einmal änderte er die Belichtung, dann kehrte er zu seiner Arbeit zurück.

Zwölf Tage später wasserte Apollo 17 im Pazifik, die Männer und die Filme wurden geborgen, die Blaue Murmel entdeckt, veröffentlicht und zu einer Sensation. Doch das Bild, das die ganze Welt auf den Bildschirmen und Titelseiten sah, war nicht dasjenige, das vielleicht 20’000, vielleicht 40’000 Kilometer über der Erdoberfläche aufgenommen worden war. Auf diesem Bild lag, nach irdischen Massstäben, der Südpol oben. Als wären wir, als wir vom Mond zurückkamen, woanders gelandet. Die Erde war verkehrt herum, das Bild der Welt war falsch. Um es in Einklang zu bringen mit der Kartographie und mit dem was wir von uns wussten, rollte die Nasa den Planeten ein halbes Mal nach vorne oder zurück und publizierte eine korrigierte Version der Aufnahme: Süd unten, Nord oben. Und so kennen wir unsere Murmel seither. Bis ihr wieder jemand einen Stoss versetzt, einen ganz leichten nur.