Kooperative für Text und Regie

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NEUE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT
von Tucké Royale

"Neue Selbstverständlichkeit" heißt, das Trauma zu überwinden, nicht vorgesehen zu sein.

"Neue Selbstverständlichkeit" heißt, sich selbst anzuerkennen und keine Zeit damit zu vertun, sich mit Anpassung rumzuschla- gen.

"Neue Selbstverständlichkeit" heißt, sich nicht erklären zu müssen, auch nicht, sich selbst in Frage zu stellen, sondern konstruk- tiv sich bis in die Zukunft hinein zu erinnern, was möglich sein muss, was denkbar ist und dort hinein die Fühler auszustrecken.

"Neue Selbstverständlichkeit" bedeutet: die Verhältnisse nicht beschönigend, doch Schönheit suchend. Sich da produktiv missverstehend, wo die Widersprüche behaupten: Du gehörst hier nicht hin. Stattdessen zurückzwinkernd: Denkst du, ich bin aber da. Wer bist du, das zu sagen?

"Neue Selbstverständlichkeit" heißt, der Realität zuzutrauen, dass sie nichts gegen einen haben kann.

"Neue Selbstverständlichkeit" bedeutet: an sich denkend, doch mehr an andere noch. Zu fragen: Was brauchst du von mir, um zu sein, wer du bist, zu bleiben, wer du sein möchtest und zu werden, wer du sein willst? Ich will dir nicht im Weg stehen. Keine Eitelkeiten. Kein alleiniger Anspruch.

"Neue Selbstverständlichkeit" meint nicht für, sondern aus Liebe zu tun.

"Neue Selbstverständlichkeit" ist Teil sein einer lang ersehnt wahlverwandten Hologrammfamilie, die hält, was sie verspricht: schöne Stunden, Intimität, Vertrauen, eine offene Brust, Zugewandtheit.

"Neue Selbstverständlichkeit" meint, nicht darüber hinwegzutäuschen, dass ein Leben selten gradlinig verläuft. Das nicht zu bedauern, aber dafür auch nicht dankbar zu sein.

Die "Neue Selbstverständlichkeit" ist: kompliziert, aber schön!
“Neue Selbstverständlichkeit” heißt, nicht ausgleichend zu reagieren. So lange es sein muss, undankbar zu bleiben.

"Neue Selbstverständlichkeit" heißt, nicht die Klappe zu halten, wenn es rigoros oder kitschig wird, doch aber anzuhalten, wenn man merkt, dass man schon eine ganze Weile allein gesprochen hat.

"Neue Selbstverständlichkeit" ist die Absage an das Deportationstheater, das behauptet, ein Publikum müsse abgeholt werden, wo es steht.

Das Publikum der "Neuen Selbstverständlichkeit" ist keine kollektive graue Maus. Das Publikum der “Neuen Selbstverständlich- keit” ist ein Chor schöner Spatzen.

"Neue Selbstverständlichkeit" heißt, nicht zu glauben, man hätte die Nase vorn, wenn der Arsch an der Wand klebt, sondern einzustimmen in den posthumanen Spatzenchor: Wir brauchen ein Theater von hinten.

Der Reichtum, den die "Neue Selbstverständlichkeit" verspricht, ist eine geteilte Gegenwart und kein Traum oder Zukunfts- musik.

"Neue Selbstverständlichkeit" ist, sich dieses vielversprechende Zeitalter “Neuer Selbstverständlichkeit” nicht unter dem Arsch wegklauen zu lassen. Gegen die Einverleibung misstrauisch soft, widerständig Haken schlagend zu bleiben, sich nicht verwer- ten zu lassen. Nicht die Drecksarbeit für jene zu verrichten, die dann stolz auf ihre mutige Toleranz sein werden.

"Neue Selbstverständlichkeit" ist Energieerhaltungssatz, die Spendierhosen anzuhaben, nicht auf getrennte Rechnungen (“Go- ing Dutch”, “Alman hesabe”) zu bestehen, sondern zu sagen, heute, morgen und übermorgen möchte ich für dich zahlen.

"Neue Selbstverständlichkeit" ist, sich und auch anderen zuzurufen: Lass dich nicht abspeisen. Haltet an deinen Zielen fest.

Am 29.6.2019 jährten sich die Aufstände der Christopher Street in New York, die als Stonewall Riots bekannt sind, zum 50. Mal. Tucké Royale und Johannes Maria Schmit nahmen das zum Anlass, an unvermuteter Stelle – in der Uckermark – zu feiern und das Zeitalter der Neuen Selbstverständlichkeit auszurufen!

Mit Teilnehmer*innen, die ihrer Einladung gefolgt waren, unternahmen sie eine Kolonnenfahrt durch die Uckermark. Stationen der Tour waren sowohl Initiativen und Projekte, die sich seit Jahren für LGBTIQ*-Belange engagieren, als auch Orte, die als Ereignisstätten queerer Kämpfe und Erlebnisse angesehen werden.
Dieser Tag ist als Dokumentarfilm "Stonewall_Uckermark. Gedenkfahrt zur Feier von 50 Jahren Bewegung" Ende Oktober 2019 im HAU3 zu sehen gewesen. Im kommenden Jahr kommt darüber hinaus ein Spielfilm in die Kinos, für den Tucké Royale das Drehbuch geschrieben und Johannes Maria Schmit die Regie übernommen hat.