Späti Paradies
Andreas Schuh steht seit Jahr und Tag in dem Späti, den er "Paradies" genannt hat, immer bereit die Stadt und das Viertel mit allem zu versorgen, was man als "das Nötigste" bezeichnen könnte. Vor allem aber mit einem offenen Ohr für die Sorgen und Geschichten der Menschen, die zu ihm kommen. Wie zum Beispiel Klara, die in der Pflege arbeitet und sich ständig zwischen ihrem Sohn und ihren Patient:innen aufreibt, weil die Aufgaben endlos und die Mittel knapp sind. Oder Martin, der sich von Job zu Job hangelt, auf der Suche nach einer Arbeit, die etwas verändern könnte, in einer Berufswelt, in der es wichtig ist, dass alles genauso bleibt, wie es ist. Oder Theo, der philogyne Postbote, der sich immer wieder aus seiner Einsamkeit in eine Zweisamkeit fortträumt, die er vielleicht gar nicht aushalten würde. Und natürlich Rosi, die als trockene Alkoholikerin jeden Tag in den Späti kommt, auf der Suche nach Gesellschaft, denn Andis Paradies ist der einzige Ort in der Stadt, in dem niemand ganz allein ist. Und was ist mit Andi? Der hat seine ganz eigene Geschichte von einer verlorenen Liebe, von schmerzhaften Erinnerungen und einer Idee von Glück und Zusammenhalt, die der Realität kaum stand hält. Aber er ist der, der immer da ist. Bis irgendwann ein Brief vom Vermieter reinflattert und nicht nur seine Existenz in Frage stellt.
In Juliane Hendes’ kurzweilig-kritischem Stück wird die deutsche Gesellschaft unter das Mikroskop gelegt. Das große Ganze beginnt hier im Kleinen: an einem Ort, den die Politik scheinbar vergessen hat, in einem Kiez, den so viele nach und nach verlassen, wo der Späti "Paradies" als einer der wenigen Orte der Zusammenkunft bleibt. Wer verstehen will, wer unsere Gesellschaft trägt und was sie zusammenhält, wer Fragen an unsere Zeit hat, sollte sich, um es mit Andis Worten zu sagen, "mit ihm hier in diesen Laden setzen."