Kooperative für Text und Regie

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Tine Rahel Völcker

Tine Rahel Völcker
© Mý Sli

Vita

Tine Rahel Völcker (*1979, BRD, lebt in Berlin) schreibt Theaterstücke und Prosa. Sie produziert im Kollektiv freie Hörspiele und wirkt regelmäßig am Programm der queerfeministischen Raumerweiterungshalle in Berlin mit. Stücke schreiben ist jedoch das Zentrum ihres Schaffens. 
Herzensarbeiten von ihr waren zu sehen am Deutschen Nationaltheater Weimar (DIE HÖHLE VOR DER STADT IN EINEM LAND MIT NAZIS UND BÄUMEN und STUDIEN ZUR DEUTSCHEN SEELE), am Maxim Gorki Theater Berlin (MADAME BOVARY) und am Düsseldorfer Schauspielhaus (KEIN SCIENCE FICTION und EINE ORESTIE).

Tine Rahel Völcker verband eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem Gustav-Kiepenheuer-Bühnenverlag, bei dem sich nach wie vor alle dramatischen Arbeiten von ihr finden, die bis 2015 entstanden.

Mit ihren beiden jüngsten Stücken ADAM UND DIE DEUTSCHEN (DIE MÜHLE) und FRAUEN DER UNTERWELT. SIEBEN HYSTERISCHE AKTE wird sie erstmals von rua. Kooperative für Text und Regie vertreten. In ihren Texten widmet sie sich Geschichten aus der Vergangenheit, verschwiegenen Geschichten, die nie erzählt wurden und die mitunter eindringliche Botschaften für die Gegenwart enthalten. Schreiben ist für sie der radikal andere Ort, an dem Dinge gesagt werden können, die woanders unaussprechlich scheinen: 

Schreiben für die Bühne heißt, einen Raum zu öffnen, in dem das sagbar wird, was vorher im Schweigen lag. Geschichten von Frauen*, Geschichten aus Polen, Geschichten, in denen Geister der deutschen Vergangenheit auftreten, so lange, wie ihr Spuk anhält. Und Schreiben für's Theater heißt, immer wieder die Frage zu stellen: wer bekommt die Bühne? Wer darf sprechen und wem wird zugehört? (Tine Rahel Völcker)

DON'T LET THE LION TELL THE GIRAFFE'S STORY
(Sprichwort aus Nigeria)

Texte

  • Adam und die Deutschen (Die Mühle)
    Ein Traumspiel

    Ich will einen neuen Monat ausrufen.

    Der polnische Jude Adam sucht die Deutschen und findet sie in den Kneipen der deutsch-polnischen Grenzstadt, wo er noch immer bei seiner Mutter Tereza lebt. Die will mit Deutschen nichts zu tun haben. Sie muss die Geschichte des Holocaust erinnern, die Geschichte ihrer polnisch-jüdischen Eltern, denen - 1938 aus Deutschland vertrieben - die Rückkehr nach Polen verwehrt wurde.
    Je größer die Tragödie desto heftiger die Komödie. Und so besteht das Stück -vom grausamen Motiv der verunmöglichten Flucht durchzogen- fast ausschliesslich aus zwei komisch-absurden "Kater"-Dialogen, die Adam mit seinen aufgegabelten Deutschen führt. In "Zukunft der Betrunkenen" ist es Henriette, die sich auf einer temporären Flucht aus ihrem Familienleben befindet, zwanzig Jahre später in "Gedächtnislärm" der schwule Narkosearzt Rudi, der den Flüchtlingen in Ungarn helfen will, es aber nicht bis dorthin schafft. Beide bleiben erst in der Kneipe, dann bei Adam hängen. Beide erwachen in einem Deckenhaufen in der kleinen Wohnung, in deren Hinterzimmer die misantrophe Mutter haust, deren Anwesenheit Adam gerne lapidar herunterspielt. Er sucht die Liebe der Deutschen, und zwar so sehr, dass er in seinem Wahn die Zeitachse der Wirklichkeit verbiegt. Mit Henriette wäre er schon seit einem Jahr zusammen und sie habe es nur wieder vergessen wegen des Alkohols. Mit Rudi wolle er nach Hamburg, ihm überallhin folgen, dann aber sind die Geräusche und Rufe seiner mittlerweile bettlägerigen Mutter aus dem Hinterzimmer nicht mehr zu überhören.
    Mit klar gezeichneten Figuren, die gerne mal mit selbstanalytischen Kampfreden aus sich heraustreten, beschreibt die Autorin wie es ist, hängenzubleiben, nicht nur in der Wohnung, bei der Mutter, sondern auch in der eigenen Geschichte, an der Grenze, an Orten, an denen man nicht erwünscht ist, in gesellschaftlichen Rollen, die man nur zum Teil erfüllt, in einem Traum, in dem gestern schon letztes Jahr war. 

    (Felicia Zeller)

    4 Spieler*innen, 2 kleine Rollen, frei zur UA

  • Frauen der Unterwelt. Sieben hysterische Akte

    Wir müssen auf die Unterbühne, um die Geschichte der Frauen zu hören.
    Die Heldinnen unseres Dramas kommen als Tote auf die Bühne.
    [...]
    In der Unterwelt gelten andere Gesetze.
    Die große Bühne gehört den Männern
    noch immer.
    Uns bleibt die Unterbühne.
    Und in ihr legen wir Feuer.,

    schreibt Tine Rahel Völcker im Vorwort ihres Stücks. Es erzählt die Biografien von sieben Frauen, die in ihrer Unangepasstheit für verrückt erklärt und im Zuge der nationalsozialistischen T4-Aktion getötet wurden:

    Da ist die lesbische Journalistin Ann Esser, die als Frau schlecht bezahlt und als überzeugte Trotzkistin noch in der Psychiatrie den Aufstand probt; da ist die achtfache Mutter Frieda W., die als Sexarbeiterin die Existenz ihrer Familie sichert. Sie träumt von einer hundertjährigen Schwangerschaft an deren Ende sie der Welt eine neue Welt gebären würde; da ist die junge Lina, deren leidenschaftliche Liebe für einen reichen Bauerssohn gewaltsam eingedämmt wird. In der Einsamkeit ihres Zimmers flüchtet sie sich in die unendlichen Weiten des Universums. Da ist die emanzipierte Geschäftsfrau Johanna S., die die Ehe als nicht mehr zeitgemäß ablehnt. Als ihr Partner sie verlässt und sie aufgrund ihrer zweiten Schwangerschaft ihren Job verliert, bricht sie zusammen. Und da ist der Bericht der bald neunzigjährigen Lissa F., die nach Kriegsende erfährt, dass ihre Mutter keines natürlichen Todes gestorben ist, sowie die Geschichte von Klaus, dessen Zwillingsschwester Christa, die "lacht und schreit wie eine Sirene und für die zwei minus eins null ist", in dem Jahr als er eingeschult wird, getötet wird. Und zuletzt ist da Margarete B., die häusliche Gewalt erfährt und nach ihrer Scheidung jedweden gesellschaftlichen Rückhalt verliert.

    Die Psychiatrisierung der Frauen äußert sich im Text in den original erhaltenen, stark schematisierten Arztberichten. Zentral ist jedoch das Leben der Figuren vor ihrer Einlieferung. Tine Rahel Völcker zeichnet sie als widerständige, unangepasste, hungrige Frauen, die ihr Schicksal und die Grenzen, die ihnen gesetzt wurden, nicht akzeptierten.

    7 Spieler*innen

    UA: 06.12.2019, Ballhaus Ost Berlin, Regie: Tine Rahel Völcker

Regie

  • Frauen der Unterwelt. Sieben hysterische Akte
    von Tine Rahel Völcker
    UA: 06.12.2019, Ballhaus Ost Berlin

    Weiblicher* Wahnsinn besitzt in der Geschichte der patriarchalen Erzählung über das vermeintlich andere Geschlecht Tradition. [...] FRAUEN DER UNTERWELT. SIEBEN HYSTERISCHE AKTE widmet sich als Theaterstück einer ganz speziellen Epoche dieses Kontinuums, nämlich der Zeit der Rassenhygiene, die mit der Gründung der "Rassenhygienischen Gesellschaft" im Jahr 1904 in Deutschland an Fahrt aufnahm, im NS-Staat in den als "Euthanasie" verklärten Massenmord gipfelte und in manchen Grundzügen ihres sozialdarwinistischen Denkens bis heute (und in den letzten Jahren wieder verstärkt) anzutreffen ist.

    Das Stück entwirft Figuren auf der Grundlage von Biographien weiblicher "Euthanasie"-Opfer, die auf dem Sonnenstein in Pirna, der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt ermordet und oftmals schon vor der NS-Zeit psychiatrisiert worden waren. Recherchiert wurden die Biographien im Archiv der Gedenkstätte Sonnenstein-Pirna, im Bundesarchiv sowie im persönlichen Gespräch mit einer Angehörigen. Anhand von Patientenakten, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen entstand ein vielschichtiges Bild von dem Leben der Frauen. [...]

    Zentrales Anliegen der Inszenierung ist es, das Stück nicht als abgeschlossenes, historisches Ereignis zu erzählen, sondern es szenisch als einen Teil verdrängter, deutscher Geschichte zu begreifen, die bis in die Gegenwart reicht. Ein Schwerpunkt der Inszenierung liegt somit auf einer Ästhetik der Gegenwart. Nebst der elektronischen Musik von Simon Bauer und modernen Kostümen zeigt sich das in dem abstrakten Bühnenraum von Jessica Rockstroh, der mithilfe verschiebbarer Elemente aus Papier und feinen Stoffen Assoziationen zu heutigen Rückzugspraktiken und Schutzräumen weckt. Die Figuren bauen sich aus feinen Schichten ihren Handlungsraum und widerständigen Kosmos. Gespielt werden sie von Vernesa Berbo, Philipp Engelhardt, Olga Feger, Nora Quest, Tucké Royale, Elena Schmidt und Lara Anais Martinez-Wiesselmann. Die biografischen Hintergründe der Mitwirkenden - etwa Kriegserfahrungen in Ex-Jugoslawien oder zivilgesellschaftliches Engagement gegen Pegida - verleihen dem Ensemble eine besondere Sensibilität und Kraft im Umgang mit dem Thema. 

    (Tine Rahel Völcker)

Extras