Kooperative für Text und Regie

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Natalie Baudy

Natalie Baudy
© Mark Peckmezian

Vita

Natalie Baudy wurde 1990 in der Nähe von Augsburg geboren und ist in Ulm aufgewachsen. Sie studierte Theater- und Musikwissenschaft in Mainz, Paris und Berlin und Dramaturgie an der Theaterakademie August Everding in München. Seit August 2018 lebt sie als freischaffende Dramaturgin und Autorin in Berlin. Eine enge Zusammenarbeit verbindet sie seit 2015 mit der Berliner Performancegruppe MS Schrittmacher, zuletzte war sie für Text und Dramaturgie in deren Performance A BETTER LIFE verantwortlich und arbeitete mit ihnen am Rechercheprojekt youll-never-walk-alone.de. Mit ihrem Stück RAUSCHEN - ODER: WENN DU NICHT EXISTIERST, GEH MIR BITTE AUS DEM LICHT. DANKE. gewann sie den Chemnitzertheaterpreis für junge Dramatik 2019. Aktuell forscht sie mit der Choreographin Annika Kompart zu Übersetzungsprozessen zwischen Tanz und Text und ist Stipendiatin des Hans-Gratzer Stipendiums 2021 am Schauspielhaus Wien.

Texte

  • Rauschen
    Oder: Wenn Du nicht existiert, geh mir bitte aus dem Licht. Danke!


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    Oertel, Ruk und Al Tee landen auf der Erde oder nein, anders: Peng – sie sind einfach da. Während Oertel und Ruk in einem merkwürdigen Gebäude mit siebenundzwanzig identischen Zimmern und einem scheinbar endlosen Flur landen, verschlägt es Al-Tee in eine politisch engagierte Wohngemeinschaft, die gegen TTIP auf die Straße geht, den Müll trennt und bestens vernetzt und weltoffen ist und grundsätzlich findet, dass man einfach mehr zu sich selber finden muss. Aber wenn plötzlich so ein Außerirdischer in der Küche sitzt, geraten das Selbstbild und die eigene Wahrnehmung doch etwas ins Wanken. Man wird unsicher, ob das befremdliche Gegenüber überhaupt da sein kann. Was es nicht gibt, das gibt es schließlich nicht. Aber man möchte ja auch nicht unhöflich sein.
    Oertel und Ruk haben mittlerweile herausgefunden, dass dieses Gebäude mit den siebenundzwanzig identischen Zimmern ein Hotel ist und die permanent betrunkene Frau, in deren Zimmer sie versehentlich geraten sind, eine sehr erfolgreiche Pornoproduzentin ist. Diese geht wesentlich pragmatischer mit den Außerirdischen um. Welch eine Fügung, denkt sich die Dame, Außerirdische in der Pornoindustrie! Das kann man nutzen! Das steigert Einzigartigkeit, Marktwert und Auflage. Und sie engagiert Oertel und Ruk vom Fleck weg – ob sie wollen oder nicht.
    In der WG haben sich Tom und Ebu mittlerweile auch an Al Tee gewöhnt. Dass er Isomatten isst und gerne ungefragt Menschen umarmt – nun ja, das eine ist nicht so schlimm, das andere sogar schön, weiß man doch, dass zu wenig Körperkontakt zu Depressionen führt. Deswegen wurden auch Umarmungen auf die WG-Agenda gesetzt. So leben sie zusammen, die Irdischen und die Außerirdischen. Bis irgendwann die Außerirdischen Heimweh bekommen und zurück möchten. Zu merkwürdig, fremd scheint ihnen das irdische Treiben. Aber wie zurück?

    Natalie Baudy hat ein mutig skurriles, humorvolles und zugleich bissig-böses Stück über unsere Gesellschaft geschrieben. Ohne moralischen Zeigefinger setzt sie Außerirdische – die fernsten Fremden aller Fremden als Spiegel vor unsere Nasen, um die großen und kleinen Zivilisationskrankheiten unserer Tage sichtbar zu machen. Durch den Einbruch des Fremden werden Ansichten, Meinungen, Vorurteile, Gewohnheiten unserer ansonsten doch so aufgeklärten Gesellschaft befragbar, hinterfragbar, kritisierbar. 

    © Theater Chemnitz

    UA: 03.05.2019, Theater Chemnitz, Regie: Brian Bell

     
  • Der Grund des Bauchnabels


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    1. Ich bin wundervoll, genau so wie ich bin.
    2. Ich kann alles erreichen, wenn ich es wirklich will.
    3. Positive Gedanken erzeugen positive Ereignisse.
    4. Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen.
    5. Ich bin bereit für den Erfolg, der mir zusteht.


    Alex ist einigermaßen jung, zielstrebig und kurz davor die beste Kinderärztin ihres Krankenhauses zu werden. Lara Twiggs ist schön, gut gelaunt, ihre Followerzahlen steigen täglich und auch eine ungewollte Schwangerschaft hindert sie nicht an ihrem Erfolg. Alex ist der Star ihrer Familie, ein Engel in Weiß – zumindest für ihre neugierige Tante. Lara präsentiert ihren supersweeten Babybauch und Designer-Kindermöbel für ihren kleinen Schatz – zumindest Online. Doch die Idee eines Lebens wie in Grey`s Anatomy und die weichgezeichnete Onlinewelt geraten ins Wanken, als sich die Welten der beiden Frauen plötzlich ungewollt überschneiden. Denn hinter der glaubwürdigen Kittel-Fassade steckt ein erbarmungsloser von Keimen und Tod geprägter Klinikalltag und hinter der heilen Marketingwelt der Insta-Storys und YouTube-Tutorials die STIMMEN DES INTERNETS und die stetigen Entwicklungs-/Überschreibungs-/Rückkopplungs-/Feedback-/Überarbeitungs-/Think-Tank-/Brainstorming-/Korrekturprozesse.

    2 Spieler*innen, weitere Besetzung variabel, frei zur UA

  • Wellnes, off season

    die Lampe aus Kirchenfensterglas
    handgefertigt, verstaubt und mit Sockel aus Stein
    hast du so geliebt
    als du klein warst
    ihr buntes Licht
    die krude Form
    die Wärme
    du hast gekräht
    wenn ich sie anmachte
    du hast mich so geliebt
    als du klein warst

    Eve und Rila wollen Urlaub machen. Endlich mal entspannen, am Pool liegen, die schnelle Welt hinter sich lassen, Schwarzwälderkirschtorte frühstücken und die letzte Krise ihrer Beziehung verarbeiten. Doch plötzlich taucht Magda, Rilas Schwester, auf und stört die Zweisamkeit. Was sie will? Eigentlich nur mit Rila über ihre gemeinsame Mutter sprechen, sie dazu bewegen sich als Teil der Familie zu betrachten und fürsorglich einzubringen.

    Doch nicht nur die drei Frauen bemühen sich möglichst wenig Konfliktherde ausbrechen zu lassen. Auch den Räumen des zugegeben seltsam verlassenen Hotels liegt daran, alle möglichst friedvoll und entspannt zu sehen. Und Pool, Frühstücksraum und Lobby wissen nicht nur wie man jemanden umsorgt und verwöhnt, sondern auch, dass hinter jedem Kissen, hinter jeder Lampe des schicken Intérieurs, eine Person steckt, die diese ausgesucht, platziert und vielleicht gemocht hat. Sie wissen was die Besitzer:innen des Hotels bewegt hat und vor allem warum sie nun – genau wie das gesamte Hotelpersonal – plötzlich verschwunden sind. Der als Wellness-Urlaub und als Beziehungskit geplante Aufenthalt wird zu einem seltsam komischen Dreieck, aus Vergangenem, Gegenwärtigem und der Frage wohin das alles eigentlich führen kann: Was heißt es als Frau Verantwortung zu übernehmen? Ist das Offenlegen sämtlicher Bedürfnisse und Gefühle emanzipatorisch oder entspringt es einem veralteten Anspruchsdenken auf frauliche Fürsorge? Was heißt es eigentlich eine Lobby zu sein? Oder ein Pool? Eine Schwester oder eine Mutter?

    Und da wird dann klar, hinter jedem Frühstücksbuffet, hinter jedem Pärchenausflug und hinter jeder noch so banalen Situation, stecken Menschen und deren Geschichte und ein immer wieder neu zusammenhängendes Aufeinandertreffen, „Begegnungen sind das: man trifft sich, sieht sich, verändert einander und geht.