Kooperative für Text und Regie

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Philippe Heule

Philippe Heule
© Bernadette Kolonko

Vita

Philippe Heule, 1986 geboren, wuchs im St. Galler Rheintal auf. Nach einem Schauspielstudium in Hamburg studierte er Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste. Außerdem war er Gast im Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Er ist Begründer des Performance-Kollektivs helium x. Sein Theaterstück DIE SIMULANTEN wurde 2016 am Theater Dortmund als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt. In der Spielzeit 2015/16 war er Hausautor am Theater Basel. Im September 2018 inszenierte er am Theater St.Gallen sein Stück SPEKULANTEN.
2018 erhielt er für sein Stück DIE STUNDE, ALS WIR NICHTS VONEINANDER WISSEN WOLLTEN den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis, 2020 für sein Stück DAS HAUS BRENNT den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts.

 

Texte

  • Das Haus brennt

    Eine Familie ist eine Familie ist eine Familie ist eine tickende Zeitbombe.

    Michael W. arbeitet als Privatdetektiv. Qua seines Berufs ist er mit den dunklen Seiten des bürgerlichen Heldenlebens bestens vertraut. Umso mehr achtet er zuhause auf den guten Ton. Sonntags ist „Quality Time“. Statt sich dem Tatort auf dem Sofa zu ergeben, spielt die Familie nach, was der Vater bei seinen Beschattungen an Abgründigem aufdeckt. Oder aber es werden die Fernstudien der fast erwachsenen Kinder diskutiert: Tochter Sarah begeistert sich für den Kreuzfahrttourismus, Sohn Lewis für moderne Überwachungstechnologien. Mutter Celine ergreift die Gelegenheit und erzählt von ihren Fortbildungsplänen im Bereich der Reflexzonenmassage. Nach und nach wird spürbar: Familienoberhaupt Michael verliert als Ernährer an Gewicht und zunehmend die Fassung. Am 18. Geburtstag seines Sohns wird das Ausblasen der Kerzen und das dazugehörige Erinnerungsvideo zu einem Gefecht, bei dem er sich mehr und mehr zum Opfer der sich von ihm emanzipierenden Familienmitglieder geriert. Schließlich greift man auf das beliebte Rollenspiel zurück, um den Frieden wiederherzustellen. Doch die Figuren des vom Vater dargebotenen Falls sind der Familie W. zum Verwechseln ähnlich. Am Ende sind zwei Kinder von dem betrogenen Ehemann ausgelöscht, bevor er sich selbst das Leben nimmt. Nur ein harmloses Spiel, reiner Zufall oder unausweichliches Schicksal?

    Eine schwarze Komödie über Macht und Männlichkeit, Verdrängung und Manipulation. Die in die Sofalandschaft versunkene Familie, das brennende Inferno auf dem Bildschirm betrachtend, wird zum Sinnbild für den allgemeinen Stillstand vor, während und nach der Katastrophe.

    4 Spieler*innen, frei zur UA

    Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarts 2020
    Zum Stückportrait von Sophie Diesselhorst geht es hier.

  • Die Stunde, als wir nichts voneinander wissen wollten
    (Kriegserklärungen)

    Philippe Heule beschreibt in seinem Text in atemlosen Bildern die Tyrannei der Gleichzeitigkeit. "The medium is the message." Die These von Jean Baudrillard ist längst Realität. Die Digitalisierung wirkt auf unsere Sinne und massiert unser gesamtes Sensorium. Krieg und Konsum werden als die zwei Seiten eines weltumspannenden Kapitalismus, der uns ohne Exit-Strategie fest im Griff hat, bespielt: Teilnehmer*innen eines Gipfeltreffens ersaufen nach der politischen Performance die eigene Ohnmacht am Tresen, politische Machthabe bemisst sich in Länge und Festigkeit des Händedrucks vor laufenden Kameras, Kriegsschauplätze gerinnen zu ununterscheidbaren Stereotypen. Einzig ein in einer Röhre gefangenes Kätzchen kann die Weltgesellschaft einen und wird daraufhin zur neuen Imageikone eines transnationalen Mischkonzerns.
    Der Terror lauert hinter jedem Sofarücken und jeder Häuserflucht. "Wir haben die Werkzeuge geformt, jetzt formen sie uns": Hauptsache Live.

    Noch zum Millennium konnten wir uns ganze zwölf Sekunden konzentrieren, auch nicht gerade lange, aber danach ging es massiv abwärts, aber mal ehrlich, nicht nur mit der Aufmerksamkeitsspanne. Und heute schaffen die meisten Menschen nur noch sich mickrige sieben Sekunden auf einen Sachverhalt zu konzentrieren und damit liegt die Menschheit eine ganze Sekunde hinter dem Karpfen.

    Besetzung variabel, frei zur UA

  • Spekulanten

    Die neu gewonnene Sicherheit brachte auch eine gewisse Monotonie mit sich. Doch der Schein trügt, denn unterirdisch und im Verborgenen spielen sich seitdem verhängnisvolle Kettenreaktionen ab.

    Dominoeffekte aus Kalkül, Biederkeit und Tradition. Zwistigkeiten und Verletzlichkeit, ausgelöst von Spekulanten, "die in der Hoffnung auf große Gewinne riskante Geschäfte machen". Da ist das Wohnzimmer von Oma und Opa. Eine zum Stammtisch umfunktionierte Garage. Ein Neubau mit Glasfront. Orte an denen Menschen aufeinandertreffen - jung, alt, arm, reich, sensibel, derb. Orte der Sicherheit, Auseinandersetzung und – der Heimat? Der Anstandsbesuch der Enkelin, die üblichen Verdächtigen beim Feierabendrausch nebst Schlagabtausch, ein schockgefrostetes Ehepaar beim Abendessen. Szene an Szene entfaltet sich eine Welt in der die wesentlichste Angelegenheit von Eltern das Gewicht ihres Sohnes ist und Beerdigungen zum Ringkampf um Flachbildschirme mutieren. Dem Blick aus bodentiefen Fenstern nach einem gewaltvollen Streit, folgt anderswo der heimliche Besuch eines Bordells. Randvoll mit Mousse au Chocolat, Bratwurst und Speck im Speckmantel soll der Rückgrat-Begradigungs-Umschnallgurt Ängsten und Sorgen Abhilfe leisten.

    Philippe Heule hat sich auf eine Recherchereise durch seine Heimat begeben und einen absurden Kosmos aus Begegnungen, sozialen Verzahnungen und Gefühlslagen geschaffen. Während unablässig geredet und Normalität behauptet wird, lauern tiefe Ängste und eiserne Ignoranz. Ein alptraumhaftes und sehr komisches Stück über letzte Sicherheiten: "Zu Hause ist doch aller Anfang schwer."

    5 Spieler*innen

    UA: 09.09.2018, Regie: Philippe Heule, Theater St. Gallen

Regie

  • Die umfassende und unwiderlegbare Chronik der Ereignisse
    Text & Regie
    UA: 14.11.2018, Theater Basel, Monkey Bar
  • Spekulanten
    Text & Regie
    UA: 09.09.2018, Theater St.Gallen

    Der Theaterautor Philippe Heule macht in "Spekulanten" das Rheintal zur zartbitteren Revue. Ein Open-Air-Vergnügen - schrill und dezent. Es ist Volkstheater im besten Sinne: pointiert und lebensnah.

    (Hansruedi Kugler, St. Galler Tagblatt)