Kooperative für Text und Regie

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Anah Filou

Anah Filou

Vita

Anah Filou aka Effe U Knust, geboren 1989, lebt in Wien. Hat Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz und Szenisches Schreiben in Graz studiert. War an der Akademie der Bildenden Künste Wien in der Klasse für Performative Kunst und Teilnehmerin an: Schreibklasse am Schauspielhaus Wien, Interplay Europe in Schweden, Summer School Südtirol, Frankfurter Autor*innenforum für Kinder- und Jugendtheater, 24h Drama am Theater Konstanz, 96amstück in Basel, 4+1 am Schauspiel Leipzig, d.ramadan am Theater Oberhausen und Lit.Fest Stuttgart. Veröffentlichungen in Lichtungen, Bella Triste, Politisch Schreiben und anderen. Uraufführungen am Hessischen Landestheater Marburg mit den Regisseurinnen Carola Unser und Romy Lehmann und ab Herbst 2020 erste Stadtschreiberin Marburgs.

Beständige Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anna Laner als 3000THEATER:

"Viel Theater. Reichlich Galore im Überfluss. Interessiert sich für 'Hülle und Fülle', also für Bedeutungsverschiebungen. Interessiert sich für Sprache und Ideologie. 3000THEATER macht Theater in rauen Mengen, sehr rau, das glättende Behagen der Kulturproduktion aufzurauen, miau. Wenn 3000THEATER eine Katze im Internet wäre, dann mit schönstem, schillerndem Fell. Wenn 3000THEATER ein Gegenteil wäre, dann das Gegenteil von SPARTA300 und toxischem Chauvinismus. 3000 going on 4000, Zukunftsmusik jetzt."

Texte

  • Am Hafen mit Vogel

    Nanina fliegt. Zum ersten Mal. Und hat jetzt einen Pass. Auf den soll sie gut achtgeben, er darf nicht zerdrückt werden und sie soll ihn "mehr so vorsichtig halten", sagt ihr Papa. Gemeinsam wollen sie Naninas nach Zimt und Koriander riechende Oma besuchen: über sieben oder acht oder neun Länder hinweg. Im Flughafen dann heißt es aber erst mal warten: in der sogenannten Transitzone, oder Tanzzitrone oder Dransidone oder Hans Melone oder Gans mit ohne? Wer weiß das schon?
    An diesem Ort jedenfalls trifft Nanina auf Dodo. Die stellt sich vor als Kosmopolitin beziehungsweise Kosmospilotin und hat viele Ideen. Aber im Gegensatz zu Nanina keinen Pass: Man hat Dodo eine Flugunfähigkeit attestiert und jetzt steckt sie fest, in diesem an alle Länder und doch an keines angrenzenden Durchgangsort. Aber was ist das überhaupt: Länder und Grenzen und Fahnen, die etwas markieren, verorten, ausweisen.

    Dodo hat einen Traum: Als Kapitanska Dodo fliegt sie mit Luft und Liebe und ganz ohne Kerosin auf 11 Kilometer Höhe. Wirft einen Konfettiregen aus Pässen auf die Erde und verwischt die Fahnen und Grenzen, die Welt wird eins. Denn jetzt mal Hand aufs Herz: Wer hat schon mal ein Rotkehlchen bei der Passkontrolle gesehen?

    UA: 17.03.2019, Hessisches Landestheater Marburg, Regie: Carola Unser

    Das Stück und die Inszenierung sind im Rahmen von "Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater", ein Kooperationsprojekt des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und des Deutschen Literaturfonds e.V. mit Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert worden.

  • Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore

    Land genommen, Frau genommen, Körper genommen

    Was passiert, wenn sich koloniale Verblendungen, stereotype Vorurteile und hierarchische Festlegungen aus ihrem historisch gewachsenen Fundament in das Gegenwärtige transformieren?
    In den 90ern ein Höhenflug: Die Liebe zwischen einem britischen Kolonialherren und der Native-American-Schönheit. Captain Smith trifft Pocahontas und ihre Liebe scheint alle Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen, scheint in unendlicher Philanthropie alles Schlechte aus dem Weg zu räumen - Menschlichkeit gewinnt immer. So zumindest im Disney-Liebes-Wunderland. Doch was steckt hinter der vergoldeten Überlieferung von Pocahontas? Da wird aus der Liebesgeschichte ein perfides Machtspiel in dem nicht nur das Land als bespielbare Fläche betrachtet wird, sondern auch der Mensch, im speziellen die Frau zu einem Objekt, das einem radikalen Werturteil ausgesetzt ist.
    In dem Monolog WEISSER RAUCH. POCAHONTAS IM VIRGINIA-MEGASTORE setzt Anah Filou die realen Beziehungen von John Smith, Pocahontas und ihrem Mann, dem Tabakhändler John Rolf in ein neues Licht und beschreibt so Strukturen der modernen Verkaufs- und Entertainmentgesellschaft. Kolonialismus ist die Geschichte mächtiger Männer und ihrer bewahrenden Überlegenheit. Vergänglich ist davon rein gar nichts, alles schreibt sich fort – auch wenn Trauerweiden sprechen können, Peggy Lee die Liebe besingt und diese Geschichten Kinosäle füllen. Was bleibt ist die Unterdrückung, 1607, 1995 und jetzt und es ist höchste Zeit für ein "Comeback das die Comebacks beendet."

    UA: 21.10.2019, Koproduktion Theater Drachengasse Wien und 3000THEATER, Regie: Anna Laner

  • Fleischwade

    "Ich esse meine Suppe nicht, meine Suppe ess ich nicht", sprach der Suppenkaspar und hungerte sich zu Tode. Auch die übersatten Kindeskinder aus dem blutigen Stück FLEISCHWADE von Anah Filou verweigern die Nahrungsaufnahme. Zum Verdruss der Oma, die weiß nämlich noch, dass sich während des Krieges die Leute bloß für eine Suppe erschlagen haben. Aber jetzt ist ja schon lange Frieden und es gibt alles im Überfluss oder -druss? Warum steigt denn der kleine Prinz eines Nachts in sein Auto und fährt schnurstracks gegen den nächsten Baum "und so kam das Loch in die Welt." Fortan atmet die Familie viel: ein und aus, aus und wieder ein. Zum Glück birgt auch eine Welt mit Loch Möglichkeiten für Loch-Menschen alias Frauen alias die Schwestern des Prinzen: Studieren in der Hauptstadt bspw. oder einen Orchideengarten anlegen oder sich reproduzieren oder ein Drehbuch schreiben. Einen Hund halten und dicker und dicker oder aber verrückt werden gehört auch zum Repertoire. Da kann Frau Doktorin Sommer mit Hilfe ihrer Familienaufstellung auf die Plätze fertig los rufen so oft sie will: die Plätze sind vergeben, der Knoten der Familienbande eine Festung, die weit in die braune Vergangenheit hineinreicht. Egal ob königlich oder bäuerlich, egal wie viele einverleibte Schnitzerl, wie viel Berghänge auf unterschiedlichsten Gerätschaften hinabgebraust: die Familie ist eine Familie ist ein Höllenschlund, ein schrecklich-grausamer Ort der Liebe, in dem alle sich gegenseitig zu entkommen trachten, dem aber keine*r je entronnen ist:

    Eine Frage zwischendurch: Fahren Menschen in der Nacht gegen Bäume weil eine Familie irgendwie ist oder ist eine Familie irgendwie weil jemand gegen einen Baum gefahren in der Nacht.

    7 Spieler*innen

    UA: Januar 2021, Koproduktion Kosmos Theater Wien und 3000Theater, Regie: Ana Laner

  • Das Wunder von Sole

    Selina und Hellmut leben auf der Alm. Ohne Nachbarn, dafür mit einem seit neuestem immer wieder dort auftauchendem Tiger und in einer salzlosen Situation, die das alltägliche Leben in Aufruhr bringt. Er ist Salinen-Salzbergwerk-Angestellter in Salzstätten im Halitkammergut, sie eine ernährungswissenschaftlich gebildete Person und uriniert als Gegenmaßnahme zum Salzmangel in das Gekochte. Salzentzug ist schließlich ungesund. Im Bergwerk selbst besprechen die (Geheim-) Expert:innen Wirsing, Wikipedia, Wirrer und Wolke das weitere Vorgehen, die Verteilung und Vorzüge einzelner Salzgewinnungsmethoden. Außerdem fragen sich 100 Wiener Sängerknaben wie das Salz eigentlich auf die Erde kam, nach seiner Verschwendung, Verschenkung und Verausgabung.

    Salz ist Natriumchlorid, ein Naturprodukt und unvergänglich. Salz hat Einfluss. In die Wirtschaft und auf Subjekte. Da wird der Salzstreuer zur phallischen Kulturleistung und entscheidet über eine Portionierung, die Lebensgrundlagen für diese Erde schafft, denn die ist schließlich "the most very important planet on earth".

    7 Spieler*innen, 99 Matrosenanzugskinder, ein Tiger; frei zur UA