Jetzt stellen Sie sich mal so ein richtiges Theaterstück vor. So ein ganz klassisches, Mutter Vater Kind, mit Küchentisch. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, was unter dem Küchentisch liegt, oder darüber, oder um ihn herum. Wo kommt die Mutter her? Was hat der Vater für Sorgen? Welche Bedürfnisse hat das Kind? DIE GASTFREMDEN erzählt von einer Familie, die nicht dem gängigen Bild einer Schweizer Familie entspricht, aber – so bezeugt es der Text, in jeder Szene, jedem Satz, mal leise, mal laut, mal wütend, mal ohnmächtig – doch längst oder schon immer zum klassischen Repertoire gehört.
Erzählt wird von Eltern, die mit ihren Kindern vor Jahrzehnten in die Schweiz migrierten und die jetzt dahin zurückgehen von wo sie einst aufgebrochen sind. Klar ist, in jede:n haben sich die Zumutungen des Leistungsspiels Integration unterschiedlich eingeprägt. Und während die Familienwohnung, Rückzugsort und Hort der Eltern- bzw. Großmuttersprache, sich auflöst – Schränke werden zerlegt, Dinge in Kisten eingepackt, umverteilt, aussortiert – , wird jeder Gegenstand, jeder Geruch, jedes Staubkorn zum Erinnerungsboten geteilter Vergangenheit. Die Perspektiven wechseln von den Eltern zu den Kindern, von Innen nach Außen, von Hier nach Dort und die Ambiguität der Begriffe Heimat, Herkunft und Migration wird sichtbar.
Ivna Žic
Vita
Ivna Žic (*1986 in Zagreb) lebt als freie Schriftstellerin und Theaterregisseurin in Wien und Zürich. Sie schreibt Prosa, Essays, Texte für das Theater und übersetzt aus dem Englischen und Kroatischen. Ihr Debütroman "Die Nachkommende" (Matthes & Seitz Berlin, 2019) war für den Schweizer und den Österreichischen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Anna-Seghers-Preis 2020 und dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 2022 ausgezeichnet. Der Essayband "Wahrscheinliche Herkünfte" (Matthes & Seitz Berlin, 2023) wurde 2024 mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2026 wurde sie außerdem für ihren Text "Die Unversehrten" mit dem WORTMELDUNGEN Ulrike Crespo Literaturpreis ausgezeichnet.
Ihre Theaterarbeiten sind im gesamten deutschsprachigen Raum zu sehen, u.a. am Schauspielhaus Wien, am Luzerner Theater, Theater Essen, Maxim Gorki Theater Berlin und am Theater Ulm. Sie war Hausautorin am Luzerner Theater.
Ivna Žic verbindet als Regisseurin und Autorin eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Natascha Gangl. Mit ihr entstanden gemeinsam die zusammenhängenden Arbeiten HAUSBRUCH. EINE PANDEMIE sowie HAUSBRUCH. EIN FRAGMENT.
Texte
Hochsommer. Eine junge Frau reist in einem Zug von Paris nach Kroatien, wo wie jeden Sommer die Familie auf der Großmutterinsel wartet. Sie denkt an den Mann, mit dem sie ein Jahr lang eine Beziehung führte, die nie wirklich anfangen konnte: Der Mann ist ein verheirateter Mann. In den fahrenden Zug setzt sich der tote Großvater zu ihr. Die zwei abwesend-anwesenden Männer werden zu ihren Begleitern auf einer Reise in die Vergangenheit und die Erinnerung, aus der sich eine Familienerzählung konstituiert. Aufbrechen, Abbrechen, es scheint eine Familienneigung zu sein, die sich wiederholt, die infrage gestellt wird. In ihrem Debütroman erzählt Ivna Žic von einer beginnenden Suche, die zugleich das Jetzt und das Damals abtastet.
(© Matthes & Seitz)
Wir befinden uns in einem Wald, irgendwo in Europa. Der Blick nach vorne geht in die tiefdunkle Nacht, der Blick nach hinten zeigt die Fahnen des Umsturzes. Es gibt kein Zurück mehr: Graf Almaviva, seine Frau die Gräfin, Figaro und dessen Frau Susanne befinden sich auf der Flucht vor der Revolution. Denn die Welt ist im Aufstand und geregelte hierarchische Strukturen werden mehr oder weniger radikal niedergeschlagen. Und so beginnt für die vier ein Leben in der Emigration, dass sie sich leichter vorgestellt haben, als es ist. Denn der Graf kann sich nur schwer an ein Leben ohne Luxus gewöhnen, die Gräfin hadert mit ihrer Gesundheit, Figaro passt sich immer mehr dem konformen Weltbild an und Susanne möchte nicht mehr nur mitlaufen. Und dann ist da ja auch noch Danton, quasi eine Koryphäe in Sachen Revolution, doch der sucht vor allem Gehör und scheitert immer wieder am ignoranten Selbsterhalt der Figuren.
In der Bearbeitung von Jelena Kovačić und der Übersetzung von Ivna Žic wird das Stück von Horváth weitergedacht. Wie funktioniert Gemeinschaft in einer zerbrechenden Welt? Was heißt Solidarität? Und was passiert, wenn Machtpositionen getauscht werden? Doch mit Blick auf ein Gesellschaftssystem, das dem Kapital unterlegen ist, wird schnell klar: "Die Zeit der Revolution ist längst vorbei, jetzt träumen wir nur noch von ihr. Sie existiert einzig im Reich der Ideen."
In den 1920er Jahren begegnet die gebürtige Ingolstädterin Charlotte von Kirschbaum dem führenden Theologen Karl Barth. Begeistert von seinem Denken, lernt sie Hebräisch, Griechisch, Latein und die theologischen Grundkenntnisse. Sie wird zur Mitgestalterin seiner Arbeit und trotz der Ehe mit Nelly nähern sich Charlotte und Karl an. Als sie dann bei Familie Barth in Münster einzieht, beginnen die Gerüchte um eine Dreiecksbeziehung. Obwohl sie seine Arbeit mitentwickelt und eigene Ideen formuliert hat, steht sie in ihrer theologischen Arbeit im Schatten von Barths Ruhm. Im Kirchenkampf ab 1933 wird sie zur Schlüsselfigur der "Bekennenden Kirche" und kämpft gegen die Versuche der Nationalsozialisten, die Kirchen zu kontrollieren.
Nelly, Karl und Charlotte sind gemeinsam in Basel begraben. Sie gingen ihren Weg zu Dritt bis zum Schluss – trotz einer konservativen, von religiösen und gesellschaftlichen Zwängen geprägten Zeit. Karl Barth ist ein weltbekanntes Archiv in Basel gewidmet, von Charlotte von Kirschbaum ist nur wenig dokumentiert. "Zieht die gewaltige Stille mich immer" ist eine poetische Annäherung an ihr Leben – ein Archiv für ihr Wirken. Es beleuchtet universelle Fragen nach den verschwiegenen Rollen von Frauen, dem schwierigen Weg zur intellektuellen Elite und den vielen Facetten von Beziehungen.
Mit poetischem Feingefühl und ergreifender Schlichtheit erzählt Ivna Žic von zwei Frauen, deren Leben, Wirken und gesitiges Werk in den Dienst und Schatten eines großen Mannes gestellt wurden.
Regie
Das kleine Theaterwunder möglich macht auch die Regie von Ivna Žic. Sie findet für das exzentrische Idiom von Kheir einen Aggregatszustand, der nichts festlegt, was nicht festgelegt sein muss. Denn hier sträubt sich das Trauma gegen das Erzähltwerden, weil es nur erlebt werden kann; und genauso widersetzt sich die Sprache der Grammatik, den Grenzen und vermeintlicher Genauigkeit.
(Daniele Muscionico, 07.11.2019, NZZ)
In der Inszenierung von Ivna Žic zerbröselt das Magische langsam und wird drastische Realität. [...] Stark sind alle drei Schauspielerinnen in ihren Übersprungshandlungen, dem zwanghaften Aufräumen und Saubermachen. Und in ihrem Zorn – auf sich, auf den Vater und auf das im Leben Verpasste.
(Christina Kirsch, 01.10.2018, Südwest Presse)