rua. Kooperative für Text und Regie
Kooperative für Text und Regie
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Hakan Savaş Mican

Hakan Savaş Mican
© David von Becker

Vita

Hakan Savaş Mican, 1978 in Berlin geboren und in der Türkei aufgewachsen, zog 1997 zurück nach Berlin und machte dort 2004 sein Diplom in Architektur. Danach studierte er Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 2008 arbeitet er auch am Theater. Er inszenierte zahlreiche eigene Stücke, Klassiker und Romanadaptionen u.a. am Ballhaus Naunynstraße, Staatstheater Mainz, Volkstheater München. Seit 2013 ist er Hausregisseur am Maxim Gorki Theater Berlin. In der Spielzeit 2021/22 inszeniert er am Maxim Gorki Theater und der Neuköllner Oper in Berlin sowie am Thalia Theater Hamburg und am Theater Oberhausen.

Texte

  • Berlin Oranienplatz
  • Berlin Karl-Marx-Platz
  • Berlin Kleistpark

Regie

  • 27.10.2022
    Im Menschen muss alles herrlich sein (UA)
  • Transit
  • Wanja in der Gaußstraße
  • Berlin Kleistpark
  • Berlin Karl-Marx-Platz
  • Blick von der Brücke
  • Berlin Oranienplatz
  • Vögel
  • Die Nacht von Lissabon


    Der Begriff Adaption trifft es auch nicht richtig, Überschreibung passt viel besser für das, was Mican mit und aus Remarques Migrations-Roman "Die Nacht von Lissabon" zaubert. Der Kern der Geschichte bleibt in der Inszenierung erhalten: das Schicksal eines Liebespaars, das während des Zweiten Weltkriegs über die Schweiz, Frankreich und Spanien nach Lissabon flieht, die letzte rettende Passage nach Amerika aber nicht antritt. Der Stoff passt bestens ans Maxim Gorki Theater, wo regelmäßig Migrationserfahrungen untersucht werden. Und Mican reichert ihn weiter an mit großen und kleinen Gefühlen, mit allgemeinen Ängsten und Selbstbefragungs-Momenten, eigenen biographischen Anekdoten, die abschweifen und wundersam doch zur Remarque-Geschichte zurückfinden.

    (Simone Kaempff, 12.01.2019, nachtkritik)


    Mican legt zwei Zeitfolien über jene Lissabonner Nacht: Als Prolog zeigt er ein paar Sekunden aus Wim Wenders’ Film "Lisbon Story" von 1994, in dem euphorisch von einem vielsprachigen Heimatland Europa, das Kriege satt hat, die Rede ist. Und kaum ein Vierteljahrhundert später hat der Regisseur zusammen mit dem Videokünstler Benjamin Krieg die Remarque’schen Spielorte abgereist: In Lissabon machen heute monströse Kreuzfahrtschiffe Station, am Strand von Dünkirchen sieht man verlorene Kite-Surfer zwischen Bunkern, und aus Paris bringt der Regisseur eine große Enttäuschung mit: Ihm zeigt sich die Stadt der Liebe als ein aufgerissenes Feld der Aggressionen, auf dem Samy Amimour, ein Busfahrer mit algerischen Wurzeln aus dem Pariser Vorort Drancy, 90 Menschen im Nachtklub Bataclan erschoss. 

    (Ulrich Seidler, 12.01.2019, Berliner Zeitung)


    Die Inszenierung Micans – die toll ist, so viel sei vorweggenommen – findet dabei auf zwei Ebenen statt: Auf einer ersten Erzählebene wird der Remarque’sche Stoff nah am Original vonden beiden Hauptdarsteller_innen Schaad und Anastasia Gubareva (Helen) erzählt. Auf der zweiten wird berichtet, wie sich Hakan Savaş Mican in der Gegenwart mit den Sujets aus "Die Nacht von Lissabon" auseinandersetzt: Er reist über Dünkirchen und Paris nach Lissabon, reflektiert dabei über seine eigene Biografie und über das, was ihm auf der Fahrt begegnet.
    Schaad, der zwischendurch auch den Bruder Georg verkörpert, schlüpft dafür immer wieder in die Moderatorenrolle und erzählt im Plauderton vonHakans Recherche und dessen Tagebucheintragungen. Zeitweilig kommt das fast in Stand-up-Comedy-Manier rüber, zum Beispiel, wenn er berichtet, wie Hakan sich mit Themen seiner eigenen Geschichte (bzw. seiner zuweilen auch fingierten eigenen Geschichte) beschäftigt – etwa mit ritueller Beschneidung, auch mit seinem Verhältnis zu den Kurden als Sohn türkischer Eltern vonder Schwarzmeerküste.
    Auf seinem Weg nach Lissabon bereist Hakan ein sozial zutiefst gespaltenes Europa.

    (Jens Uthoff, 14.01.2019, taz)